Der richtige Moment zur Übergabe – gibt es ihn wirklich?
„Noch nicht. Erst wenn die Zahlen stimmen. Erst wenn der Nachfolger wirklich bereit ist. Erst wenn der Markt sich stabilisiert hat.“
Kennen Sie solche Gedanken? Ich kenne sie gut – aus Gesprächen mit Unternehmern, aber auch aus meiner eigenen Erfahrung. Denn ich habe 2016 selbst übergeben: die operative Verantwortung eines IT-Dienstleistungsunternehmens , das ich 1989 mitgegründet hatte. Und ich kann Ihnen sagen: Den perfekten Moment gab es nicht. Den gab es nie.
Übergabe als Verlust – oder als Gestaltung?
Viele Unternehmer erleben die Übergabe ihres Lebenswerks als etwas, das ihnen passiert. Die Gesundheit spielt nicht mehr mit. Die Familie drängt. Der Steuerberater rechnet vor, was passiert, wenn man noch fünf Jahre wartet. Und plötzlich steht man vor einer Entscheidung, die man eigentlich schon längst hätte treffen sollen. Das muss nicht so sein.
Die Frage ist nicht: „Wann ist der richtige Moment?“ Die eigentliche Frage lautet: „Wer will ich in meinem nächsten Lebensabschnitt sein und was begeistert mich?“
Das klingt philosophisch – ist aber hochpraktisch. Denn wer diese Frage nicht beantwortet hat, schiebt die Übergabe immer weiter hinaus. Nicht weil das Unternehmen es erfordert, sondern weil die Antwort fehlt.
Was mich 2016 bewogen hat
Ich war Vorstand; das Unternehmen lief gut und es gab keinen äußeren Druck. Und genau das war der Moment, in dem ich gemerkt habe: Jetzt ist die Zeit. Nicht weil ich musste – sondern weil ich wollte. Weil ich neugierig war auf das, was als Nächstes kommt. Weil ich spürte, dass ich meine Energie und meine Stärken woanders einsetzen wollte.
Die Übergabe war kein Abschluss. Sie war ein Aufbruch, Neues zu wagen.
Was das mit Entfaltung zu tun hat
Ein Unternehmen aufzubauen ist eine Form der Entfaltung. Aber irgendwann ist diese Phase vollständig – mir kam der erste Gedanke zum 25-jährigen Firmenjubiläum – und eine neue will beginnen.
Wer das erkennt und annimmt, gestaltet. Wer es verdrängt, wird irgendwann gestaltet.
Heute begleite ich Unternehmerinnen und Unternehmer genau in diesem Prozess: nicht bei der rechtlichen oder steuerlichen Abwicklung, sondern bei der inneren Vorbereitung. Dabei geht es um Fragen wie: Was gibt mir heute Energie – und was erschöpft mich? Was möchte ich in zehn Jahren auf diesen Moment zurückblickend gesagt haben? Und: Was brauche ich, um loszulassen, ohne mich zu verlieren, ohne in ein mentales Loch zu fallen?
Also: Gibt es den richtigen Moment?
Ja – aber er wartet nicht auf Sie. Er entsteht, wenn Sie ihn bewusst wählen.
